Rechtsquelle Wikipedia? - Interdisziplinäres Symposium

03.-04. März 2017 FernUniversität Hagen

Praxis – Fiktion – Standards

 

 

Wikipedia, laut Selbstauskunft im Januar 2001 als freies, kostenloses und vielsprachiges Online-Lexikon gegründet, heute das umfangreichste Lexikon der Welt, wird inzwischen auch  von Jurastudenten wie Rechtspraktikern regelmäßig genutzt. Wikipedia zählt zu den acht meistfrequentierten Internetseiten; auch Gerichte, unter ihnen Bundes- und Landesobergerichte, nutzen diese Enzyklopädie stützen und verwenden die dort recherchierten ihre Urteile Informationen, etwa indem sie Wiki­pedia in ihren Urteilen als Quelle für Wortgebrauchsweisen anführen.

 

Unbedarfte Stu­den­ten zitieren und kopieren offen, schöpfen unverdeckt aus der bequemen, kosten­­losen Wissens­quelle; der Profi nutzt sie eher heimlich, findet dort – später unerwähnte – Verteilerstellen, die ihm zu passenden Zitaten, Fachliteratur oder sogar dem Einstieg in fremde Fachgebiete verhelfen. Dennoch nimmt die Rechts­­­wissenschaft dieses Format mit all seinen Chancen, aber auch seinen Risiken, kaum zur Kenntnis. Abgesehen von Arbeitstipps für Studierende und ähnlich semi-offiziellen Hin­weisen, wird das Phänomen ignoriert.

Nur selten findet man Arbeiten, die Wiki­pedia als Forschungsthema aufgreifen oder sich über eine rechtsrelevante Verwendung und Gestaltung der Seiten Gedanken machen. Doch durch Ignorieren verschwindet Wikipedia nicht und nimmt im Verborgenen weiter Ein­fluss auf juristische Debatten, jenseits reflektierter Wahr­nehmung, und wird seinerseits durch Akteure beeinflusst, denen kein fachöffent­liches Gespräch zur Rückbindung zur Verfügung steht.

 

Fragen

Haben das Recherchieren und Belegen mit Wikipedia, die daran angelehnten Formen der Wissensgewinnung und Wissensstrukturierung Auswirkungen auf das Recht? Beeinflussen sie seine Herstellung, seine Entwicklung, seine Akzeptanz? Ist das Phänom Wikipedia bezeichnend für eine allgemeinere Veränderung oder legt es lediglich alte, rechtskonstituierende Faktoren offen?

Diesen Fragen möchte die Forschungsgruppe Rechtsrhetorik mit multidisziplinärer Unterstützung und mit Ihren Ideen und Anregungen nachgehen.

 

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02331/ 987 987-4877 (Jens Fischer) Sek. Andrea Schmeinta 02331/987-2878


Das interdisziplinäre Symposium Rechtsquelle Wikipedia? Praxis – Fiktion – Standards möchte das Wechselverhältnis zwischen den Phänomenen Wikipedia und Recht, sprich: der Rechtspraxis, der Rechtslehre und der Rechtswissenschaft in den Blick nehmen.

 

Eingeladen sind Wissenschaftler aus unterschiedlichen Fachrichtungen. Zur Orientierung bei der Themenwahl können die folgenden fünf, teils ineinandergreifende Dimensionen helfen.

 

Dimension I   Wikipedia als Medium der Wissensrepräsentation

Unter dieser Dimension kann die genuine Struktur von Wikipedia mit ihren Implikationen für die Informationsgewinnung und die fachliche Vorstellung/Idee von der Art ihres Wissens und Erkennens untersucht werden. Heißt es nicht „Jurisprudenz ist eine Buchwissenschaft“? Was sind die Vorzüge /Nachteile einer nicht-hierarchischen Darstellung durch ein Hypertextsystem im Vergleich zu den eta­blier­ten Medien, die – wie das Buch – auf Verschlagwortung im Inhaltsverzeichnis und auf ein Register­system angewiesen sind? Ist diese Darstellungsweise mit didaktischem Gewinn verbunden? Was können etablierte Medien von Wikipedia lernen? Und wie und warum füllt Wikipedia als Komple­men­tärerscheinung eine Formatlücke? Oder ist das Format Wikipedia – jedenfalls aus der Perspektive der akademischen Welt – überflüssig oder gar schädlich, zumindest aber problematisch? Schließlich: Kann (oder soll) Wikipedia strukturell optimiert, modifiziert oder weiterentwickelt werden? Wenn ja, wie?

 

Dimension II   Wikipedia und die Anerkennungsmechanismen in der Jurisprudenz

Welche Ursachen hat die reservierte Haltung der akademischen Zunft gegenüber dem Format Wikipedia? Welche Kriterien muss eine Quelle erfüllen, um mit dem halboffiziellen Prädikat zitierfähig bedacht zu werden? Was verschafft einem Beleg besondere Dignität? Wie schneidet der Qualitäts­sicherungs­modus „öffentliche Diskussion und administrativer Versionsschutz“ im Vergleich zur klas­sischen Redaktionsarbeit ab? Worauf beruht das Renommee der renommierten Wissenschaftler und ihren Schriften und inwiefern kann die zugeschriebene Exzellenz per quasi-demokratischer Abstimmung – also das Prinzip Schwarmintelligenz – ein von der Zunft ernstgenommenes Äquivalent sein?

 

Dimension III   Der Rechtswissenschaftler als Akteur auf dem Meinungsmarkt

Unter welchen Handlungszwängen steht ein (Rechts-)Wissenschaftler, möchte er seiner Forschung Präsenz und Mittel und sich selbst Anerkennung im Kollegium verschaffen? Wer verfolgt heute (noch) das Ideal des praxisfernen, allein der Wahrheit oder Objektivität verpflichteten Gelehrten – und: Wer würde heute noch mit dieser inneren Haltung Gehör finden? Andersherum: Inwieweit ist der Rechtswissenschaftler nicht (auch) Tendenz- oder Auftragsforscher, mit einem offenkundig per­spek­tivischen Interesse, außerfachliche Positionen zu verstärken oder gegen diese anzugehen, realpolitisch Einfluss zu nehmen, nicht unbedingt direkt im eigenen Interesse als häufig auch im Dienste eines Herrn, von dem man sich etwas verspricht oder wo Abhängigkeiten bestehen. Kurzum: Inwieweit ist Wissenschaft/Rechtsdogmatik zwangsläufig nicht auch durch einen Wettstreit geprägt, der nicht durch das Kriterium der Wahrheit entschieden werden kann, sondern durch Meinungsmechanismen, an denen man selber teilhat und mitwirken kann. – Wie muss man sich diese Abläufe und Wirkungsverhältnisse vorstellen und wie könnte Wikipedia auf diesem Markt der Meinungen als „Medium“ die Spielregeln beeinflussen? Sollten Wissenschaftler Wikipedia meiden? Können Sie das überhaupt? Welche Veränderungen sind zu erwarten, wenn sich der Meinungsumschlagplatz zunehmend auf Wikipedia verlagert? Wenn hierdurch Redaktionen als neutralere Instanzen umgangen werden? Tritt dann ein reiner Aufmerk­samkeitswettbewerb ein? Oder erhöht dies die Transparenz von Forschungsleistungen?

 

Dimension IV   Wikipedia und die Rechtspraxis

Es ist anzunehmen, dass Rechtspraktiker zunehmend das Internet als Informationsquelle nutzen; vor allem dann, wenn Fachliteratur nicht leicht und schnell zur Hand ist. Der Rückgriff einer Behörde auf Wikipedia ist vermutlich weniger fragwürdig, als wenn sie sich - anstelle eines Blicks in einen Kom­mentar - bei Angeboten wie frag-einen-Anwalt.de über Rechtsfragen informiert. Zurzeit gibt es Erfah­rungen, aber noch keine belastbare Empirie. Doch wollte man, die Verwendung unterstellt, einen Bewertungsunterschied angesichts der Art oder des Themas der genutzten Quellen machen? Ist der Rückgriff auf Wikipedia 1. bei Rechtsfragen und 2. bei Sachfragen anders zu beurteilen? Ist der belegte Rückgriff von Gerichten in Sachfragen (Wortgebrauchsweisen, Erkenntnisse anderer Fachdisziplinen) auf Wikipedia problembehaftet? Oder ist Wikipedia eine prinzipiell zu begrüßende Erweiterung etwa der Erkenntnisbasis, wodurch ein Richter schneller und mit Blick auf die Würdigung von Sachverständigenurteilen kritisch/reflektierter urteilen kann? Welches Missbrauchspotenzial besteht durch Wikipedia und wie kann ihm begegnet werden?

 

Wie steht es um die Rechtskenntnisse, die Mandanten aus der Wikipedia beziehen und dazu nutzen, anwaltliche Beratung kritisch zu hinterfragen? In der Medizin ist das Phänomen der Internetdiagnosen von Patienten, die ärztlichen Einschätzungen entgegengehalten werden, bereits bekannt. Gibt es ähnliche Entwicklungen bei den rechtsberatenden Berufen?

 

Dimension V    Geltende und vermisste Standards im Umgang mit Wikipedia

Wie werden die von Wikipedia aufgestellten Standards bewertet? Sind die bislang geltenden Standards genügend oder ergänzungsbedürftig? Sollten sich Rechtswissenschaftler untereinander zu Standards im Umgang mit Wikipedia verpflichten? Wie könnten solche Standards lauten, warum wird in der Festlegung auf sie eine Notwendigkeit gesehen und was macht sie geeignet, das Verhalten von Wissenschaftlern gleichförmig zu steuern? Wie könnten vonseiten Wikipedias solche Selbst­verpflichtungen organisatorisch/infrastrukturell unterstützt werden?

 

Als Ziel der Veranstaltung setzen wir uns die Beantwortung der Frage: Sollen sich die praktisch oder wissenschaftlich arbeitenden Juristinnen und Juristen künftig bei Wikipedia als Autoren und lesende Nutzer in aktiverer, aber auch reflektierterer Weise engagieren? Oder kann Wikipedia als Wissenspräsenz ohne Schaden ignoriert werden?

 

 

 

Katharina Gräfin von Schlieffen, Inhaberin des Lehrstuhls für Öffentliches Recht, juristische Rhetorik und Rechtsphilosophie an der Fern­uni­versi­tät Hagen, lädt Sie herzlich ein zur Teil­nahme an dem interdisziplinären Sym­posium Rechts­quelle Wikipedia? Fiktion – Praxis – Standards.

 

 

Wir freuen uns auf Ihre Beteiligung!